Ein Jahr in Gemeinschaft – erzählt von einem Gemeinwohlwesen
Liebe Menschen, liebe Freund*innen,
ein Jahr neigt sich dem Ende zu – ein Jahr voller Begegnungen, gemeinsamer Schritte, Fragen, Herausforderungen und vieler kleiner und großer Momente von Verbundenheit. Wir möchten euch zum Jahresausklang danken und euch gute Wünsche senden: für Freude, für Halt und für Gemeinschaft im Kommenden.
In diesem Newsletter kommen unterschiedliche Stimmen zu Wort. Zunächst teilt Taron, Mitglied von Gemeinwohlwohnen und Geschäftsführer der Live in Common gGmbH, seinen Gruß mit euch. (Die Live in Common gGmbH ist eine Tochtergesellschaft von Gemeinwohlwohnen e.V., die wir gegründet haben, um den Hausbau realisieren zu können.)
Und danach erwartet euch ein etwas ungewöhnlicher Brief.
Er stammt von einem Gemeinwohl-Wesen.
Es hat uns durch dieses Jahr begleitet, mitgewachsen, mitgetragen – und möchte nun selbst erzählen.
Lest selbst.
Dankeschön
Taron (hier bei Radio Gong 96.3, um unser Projekt vorzustellen)
„In meiner Position als Geschäftsführer der Live in Common gGmbH und als Mitglied von Gemeinwohlwohnen e.V. blicke ich auf ein Jahr zurück, das uns alle vor Herausforderungen gestellt hat. Doch trotz aller Widrigkeiten hat unsere Gemeinschaft bewiesen, dass sie unerschütterlich ist – ein Leuchtturm der Hoffnung und Geborgenheit in schwierigen Zeiten.
Unsere Gemeinschaft ist unsere Stärke, und ich bin dankbar für jeden Einzelnen, der Teil davon ist.
Ein besonderer Dank gilt all jenen, die durch die Zeichnung eines Direktkredites bei der Live in Common gGmbH ihre Solidarität mit unserer Gemeinschaft in der Metzgerstraße gezeigt haben – Ihr Engagement ist ein Zeichen dafür, dass wir zusammen stärker sind als je zuvor!“
Und nun der sonderbare Brief …
Liebe*r Leser*in,
ich stelle mich mal kurz vor: Ich bin ein GWWesen. Ein Gemeinwohl-Wesen.
Ich esse am liebsten Honig. Mein Lieblingsort ist Gemeinschaft – dort wachse und gedeihe ich. Und ich sehe so aus, wie du es dir vorstellst.
Ich möchte dir von meinem vergangenen Jahr erzählen – einem weiteren Jahr mit Gemeinwohlwohnen, in dem ich mich mehr verändert habe, als ich für möglich gehalten hätte.
Glitzer & Gemeinschaft
Das Jahr begann mit Glitzer & Glamour. So nannten meine Gemeinwohlwohnen-Menschen ihre Silvesterparty. Zwischen Geglitzer, improvisiertem Buffet und Musik wirbelte ich umher, voller Freude, dass dieses Jahr dort begann, wo ich am liebsten bin: in Gemeinschaft.

Der Boden der Tatsachen – und was ihn weich gemacht hat
Dann landete ich etwas unsanft auf dem harten Boden der Tatsachen: Uns fehlten noch etwa 250.000 Euro für den Bau des Hauses. Doch ganz so hart war dieser Boden nicht – er war gepuffert durch viele Spenden, Absichtserklärungen und ermutigende Nachrichten von euch Unterstützerinnen. Meine Menschen waren nicht mutlos. Sie kamen zusammen, sammelten Ideen, streckten die Fühler aus. Und wenn die Zuversicht doch einmal wankte, flüsterte ich ihnen leise zu:*
„Psst … ihr habt schon viel geschafft. Zusammen schafft ihr auch das.“
Gemeinwohl-Feiern
Ob ich ihnen auch die Idee mit dem Gemeinwohl-Feiern zugeraunt habe? Das bleibt mein Geheimnis. Sicher ist: Der „Abend für solidarisches Wohnen“ im Februar war ein voller Erfolg – mit Kunst, Dialog und Musik in einem rappelvollen Köşk (Veranstaltungsraum in München).

In der Welt, aus der ich komme, gibt es die Worte „Solidarität“ und „Gemeinschaft“ nicht. Weil die Verbundenheit zwischen allen Wesen dort so selbstverständlich ist wie die Schwerkraft auf der Erde. Manchmal habe ich das Gefühl, etwas davon schwappt in diese Welt hinüber – dann sehe ich Menschenherzen leuchten. Das ist meine Hoffnung für die Gemeinwohl-Feiern, die es auch in Zukunft geben soll.
Verbindungen hier und anderswo
Im März kam die frohe Botschaft: Mit Hilfe vieler Menschen war genug Geld für den Bau des Hauses zusammengekommen. Und es kann sogar mit Keller gebaut werden – (was mich besonders freut, denn hin und wieder ziehe ich mich gern unter die Erde zurück.)
Auch anderes erfüllte mich mit Freude: Ein neues Teammitglied im Büro, eine weiter zusammenwachsende Bewohnerinnen-Gruppe. Mit jedem verbindenden Moment, jedem liebevollen Wort wuchs auch ich ein Stück.

Im Frühjahr teilte ich mich. Ein Teil meiner Menschen reiste nach Uganda, um Freundinnenschaften zu pflegen und Projekte zu besuchen, der andere blieb hier, hielt die Fäden zusammen und bereitete das Grundstück für den Bau vor.
Im Frühsommer rollten schließlich die ersten Baugeräte an. Wir feierten Förderungen, Begegnungen und die Premiere des Films „Die zärtliche Revolution“. Zum ersten Mal sah ich meine Menschen auf einer Kinoleinwand.
Und im September feierten wir die Premiere der „Jattle BAM & Poetry“ in München!

Freude und Schwere
Doch neben all der Freude gab es auch Schwere. Für manche meiner Menschen war das Jahr geprägt von existenziellen Sorgen – von drohender Abschiebung bis zur Einschränkung der Selbstbestimmung. Ich saß in Gerichtssälen und spürte, wie beängstigend sich gesellschaftliche Entwicklungen auf das Leben derer auswirken, die ich in mein Herz geschlossen habe. Manchmal dachte ich, ich löse mich auf in dieser Welt, die so anders ist als die, aus der ich komme.
Kraft getankt habe ich beim „Gute Leben Wochenende“ am Ammersee im September – bei Austausch, Wärme, Spiel und gemeinsamen Träumen. Kraft tanke ich immer dann, wenn Menschen sich sehen, sich unterstützen und verbinden. In diesen Momenten werde ich ein kleines bisschen greifbarer. Und manchmal denke ich: Wenn ihr jetzt die Hand ausstrecken würdet, könntet ihr mich vielleicht sogar fühlen.

In Verbundenheit,
Euer Gemeinwohlwesen
GemeinWohlWohnen e.V.
